Dienstag, 24. Februar 2009

Eine Tour


Was passiert, wenn der Aaron noch seine Runden durch Toraja dreht?
Er sieht viele Dinge!
Zuerst einmal wird er meistens beobachtet. Versteckte Augen ueberall…

Wenn er dann eine Ersatzbruecke mit dem Roller ueberqueren muss, sollte er sich gut konzentrieren.



Unterwegs wird er auf einen Kindergeburtstag eingeladen, bei dem ein ziemlich normaler Gottesdienst mit Predigt (!) gehalten wird. Trotzdem sind ziemlich viele Kinder da und die 10-jaehrige Prinzessin mischt sich unter ihre Gaeste und Jesusbilder.



Alte Menschen gibt es auch. Auch wenn ich mich mit ihnen auf Torajanisch nicht unterhalten kann, sind sie immer sehr herzlich und freundlich!



Ein jungen Maedchen beobachtet das Bueffelschlachten und ist wohl noch etwas schockiert. Mit den Jahren wird sich das wohl legen.



Ein Altersgenosse spielt vergnuegt, aber ist von dem fremden Aaron eher distanziert.



Waehrend der Siesta lassen sich selbst Hunde nicht mehr animieren!



Und zum Schluss noch einen wandelnden Baum. Eine spezielle torajanische Art.



Wahrscheinlich ist das meine letzte Meldung aus Toraja! Ein historischer Moment zum sentimal werden!
Liebe Fuesse!

Rundbrief Numero 3

Selamat sore!

„Kaum zu glauben, aber wahr:
Schnell verging das halbe Jahr!“

Das soll kein fragwuerdiges Zeitungsinserat sein, sondern ist Tatsache!
Mein Aufenthaltsteht kurz vor dem Ende und ich moechte auf zwei Monate seit dem letzten Rundbrief zurueckblicken.


Viele Dinge habe ich noch erlebt und so auch viele interessante Ausfluege in der Umgebung gemacht. Einen Englischlehrer habe ich in eine Landschule begleitet und dort einen mehr oder weniger guten Einblick in das Schulleben bekommen. Die Menschen leben dort wirklich sehr abgeschieden, aber trotzdem versuchen sie, Strukturen und Denkweisen zu erneuern und sich am aktuellen Trend zu orientieren. Ob das immer klappt sei dahingestellt, die Kinder werden jedenfalls auf die modernisierte Welt vorbereitet und haben so auch die Chance (beispielsweise mit Englischkenntnissen) ihre Ausbildung ausserhalb weiterzufuehren.
Fuer die meisten ist dieser Sprung dann der Weggang nach Makassar, der naechstgroessten Stadt.

Bergbesteigungen und Beerdigungsbesuche waren weitere Highlights.


Ernaehrt werde ich weiterhin im Hause meiner Gastmutter Mama Seki, die mich noch als Gast behandelt und mich partout nicht gerne kochen laesst. Ob das wohl an meinen Kochkuensten liegt?
Ich bin aber sehr froh, noch dort zu wohnen, und ein wenig unabhaengig zu sein. Im Nachhinein ist es fuer mich nicht mehr so schlimm, nicht ins Waisenhaus umziehen zu duerfen.

In Toraja steht im April die grosse Wahl an. Zuerst fuer die lokale Regierung, spaeter dann fuer Sulawesi und dann auch Indonesien.

Fuer die beiden Bezirke (Kabupaten) Sued- und Nordtoraja werden neue Abgeordnete gewaehlt. Auf 60 Stellen bewerben sich aktuell ca. 600 Menschen. Bis ins aeusserste Dorf wird intensive Wahlpolitik betrieben. Wahlkampagnen beinhalten dann Reden, Geldgaben (natuerlich „nur“ fuer die Fahrtkosten der Zuhoerer) und vor allem die riesigen Banner und Plakate, die mit ueberdimensionalen Gesichtern die Strassenraender tapezieren.


Ein unvorstellbarer Aufwand und Wille, Politiker zu werden. Bei dem spaeteren Geldfluss im Vergleich mit den Durchschnittsgehaeltern aber durchaus verstaendlich.

Im RBM begleite ich weiterhin meine Mitarbeiterinnen zu den Familien. Immerhin darf ich aber bisweilen selbststaendig mit manchen Kindern arbeiten und freue mich ueber kleine Erfolge und die mir entgegengebrachte Akzeptanz als Betreuer.

Meine Vorgesetzte hat mich fuer meine letzten zwei Wochen damit beauftagt, jedes Kind zu fotografieren, das temporaer oder manchmal auch schon in vergangener Zeit Unterstuetzung erhaelt/erhalten hat.

Wie sich herausgestellt hat, ist dies eine doch sehr zeitintensive Aufgabe und ich fahre noch weitere Strecken durch ganz Toraja. Dazu kommt, dass ich nicht nur meinen gewohnten Kreis an Mitarbeiterinnen begleite, sondern nun auch noch ganz neue Einblicke in die Arbeit der anderen bekomme.

Interessanter als gedacht, denn bei den Besuchen fotografiere ich natuerlich nicht nur. Wenn man schon mal da ist, dann betreuen/therapieren/unterrichten die Frauen durchaus. Neben erschreckenden Zustaenden, in denen einzelne Kinder immer noch vegetieren habe ich aber viele schoene Begegnungen gemacht und die Unterstuetzung des RBM an vielen Ecken sehen koennen. Sei es durch die erlernte Faehigkeit mit einem Rollator zu laufen oder ein kleines Kiosk fuehren zu koennen.

Wie schon erwahnt durfte ich aus bestimmten Gruenden nicht ins Waisenhaus umziehen, habe aber nichtsdestotrotz froehlich meinen Englischunterricht weitergefuehrt.


Dort fuehle ich mich sehr wohl und verabschiede mich davon nur ungern.
Mit einer Leiterin habe ich wiederholt gekocht und mit einem Jungen Ausfluege gemacht. Einmal sogar in sein urspruengliches Heimatdorf, das recht weit entfernt liegt.

Nicht oft war ich in Gottesdiensten, aber ich habe trotzdem einen guten Einblick darin bekommen. Neben dem geringen katholischen und muslimischen Bevoelkerungsanteil gibt es ja hauptsaechlich eine evangelische Mehrheit, die sich mit den alten Traditionen und der Naturreligion Aluk Todolo’ auf jeden Fall vermischt hat.

Teil eines jeden Gottesdienstes in egal welcher Kirche ist uebrigens das Spenden. Meistens gibt es 3, oft aber bis zu 6 Spendenkoerbe, in die man fleissig Geld spendet. Verschiedene Zwecke erfordern eben viele Koerbe. Die eigentlich nicht wohlhabende Bevoelkerung spendet erstaunlich viel und so findet im Prinzip ein guter Ausgleich in der Gesellschaft statt. Ich begrenze es lieber auf die Unter- und Mittelschicht.
Die Schere zwischen den wenig Reichen und dem Rest der Bevoelkerung ist doch sehr gross.

Sehr stark differenzieren sich von den Evangelischen (die immer noch an alten Traditionen festhalten) zum Beispiel Adventisten und Pfingstler. Diese bekommen meiner Ansicht nach einen immer groesseren Zulauf – vor allem von der Jugend, die sich parallel auch von den althergebrachten Traditionen trennt.

Vor kurzem habe ich einen Pfingstlergottesdienst besucht. Viele Lieder, euphorische Gebete und Zungenreden waren schon ein bisschen anders und fuer mich befremdlich – wenn auch wirklich interessant!

Im Moment laufen die ersten Verabschiedungsbesuche an und in 3 Tagen ist schon meine Verabschiedungsfeier im RBM. Dann geht es Richtung Deutschland. Halt gemacht wird mit meinen Mitfreiwilligen aber noch eine Woche auf Bali. Sozusagen zum Entwoehnen und der langsamen Einstimmung auf einen hoeheren Lebensstandard. Ebenso die Infrastruktur wird mich in Deutschland wahrscheinlich ueberraschen und neu belehren.

Oh, und zum Abschluss noch eine kleine Anekdote (aus einer alten Sage):

Der erste Mensch auf dem Mond war ein Torajaner. Man wird es kaum glauben, aber er ist tatsaechlich auf einem Huhn dorthin geflogen!

Euch noch eine gute restliche Winterzeit! Bis bald!

Viele liebe Gruesse

Aaron

Freitag, 20. Februar 2009

Endspurt

Noch neun Tage in Toraja. Die Zeit rinnt gerade dahin.

Meine Vorgesetzte im RBM hat mich nun kurz vor Ende noch damit beauftragt, eine Art "Inventur" aller betreuten Kinder durchzufuehren. Heisst also, ich fotografiere jedes Kind in saemtlichen Gebieten, Doerfern, Umfeldern, Familien und ... Zustaenden. Obwohl es mir noch einmal einen sehr guten Ueberblick ueber die gesamte Schar an Kindern gibt, bin ich manchmal frustriert und ein wenig enttaeuscht von der Arbeit mancher Mitarbeiterinnen.

Zum Teil habe ich wirklich unmenschliche Situationen miterlebt, in denen die Kinder leben. Manche werden in einer Art Gefaengniszelle am Leben gehalten. Das Fenster ist mit Brettern verschlagen, auf dem Boden liegt ein weiteres Brett. Sonst nichts. Die Ausrede und beteuernde Entschuldigung: Das Kind wuerde draussen doch nur Erde essen.

Ein weiterer Fall: Eine Jugendliche, die von der Familie und den Nachbarnkindern gehaenselt wird. Weder die Mutter noch meine Mitarbeiterin fuehlen sich verantwortlich, das randalierende und zornige Maedchen zu beruhigen und sich auf ihre Seite zu schlagen.

Das sind Extremfaelle, aber sie treffen mich schon ziemlich. Und nur von einzelnen Mitarbeiterinnen halte ich deshalb wenig. Leider truebt dies ein wenig das positive Bild der anderen Frauen, die sich sehr fuer die Kinder einsetzen und einigen Mut in dem gesellschaftlichen Umdenkungsprozess beweisen.

Ansonsten bereite ich mich im Moment auf die Heimkehr vor und fange schon mit den ersten Verabschiedungstreffen an. Von manchen lieben Menschen verabschiede ich mich doch nur ungern. Es gefaellt mir in Toraja doch sehr!

Bei dem Gedanken an die Heimkehr schaetze ich manches sehr. Zum Beispiel die Lockerheit und Freude im Alltag. Trotz der Armut eine glueckliche Ausstrahlung und ein enormer Familienzusammenhalt. Der Lebensstandard. Die fantastische Natur und idyllische Fleckchen beinahe ueberall in der Umgebung.

Und Siffwetter in Deutschland? Warum nicht! Ist auch mal wieder eine Abwechslung!
Heute war ein Comeback der Regenzeit. Die Hauptstrasse im Zentrum war kniehoch geflutet. Das war ein Erlebnis mit dem Roller! Sauber ist er auch endlich wieder! :)

Vielleicht schreibe ich von Bali noch ein bisschen, wenn ich mit den Mitfreiwilligen noch eine gute Woche deutsches Aroma in Verbindung mit touristischem Geschmack und einem Klecks balinesischer Kultur aufnehmen werde.

Euch eine schoene Zeit und viele Fuesse
von dem Aaron

Freitag, 13. Februar 2009

Pesta Pemakaman - Beerdigungen bis zum Abwinken


Guten Morgen Menschen!


Zuerst einmal wird der Online-Shop erweitert - es kommen Taschen, Schluesselanhaenger und Armbaender hinzu.



Die Taschen sind aus grober Nylonschnur geflochten. Kleine kosten ca. 3 Euro, grosse ca. 4 Euro.
Diese Armringe sind eslastisch und aus denselben Perlen wie die Halsketten. Sie kosten ca. 1 Euro, genauso die Schluesselanhaenger!

Bestellt, solange der Vorrat und meine Koffergroesse reicht!



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Hier beginnt wieder mein Kultur- und Erlebnisbericht:
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Noch ein paar Impressionen, unterwegs in Toraja.






Und nun werdet ihr noch einmal eine Beerdigung ueber euch ergehen lassen muessen, zu der vor kurzem miteingeladen wurde.
Eine Familie, die ich naeher kennen gelernt habe, lud mich ein, eine Tour zu der mittelgrossen Zeremonie zu machen. Das Beerdigungsdorf war weit entfernt, genauso wie der Verwandtschaftsgrad. Aber das macht nix - kulturelle Trauer-Volksfeste sind toll! Man bekommt kostenlos Essen, Unterhaltung kann seinen sozialen Status pflegen.
Nun ja. Die Familie, die ich begleitete, brachte zur Beerdigung 2 Schweine, die wir auf einem LKW lebendig transportierten. Die Fahrt war lustig und von der erhoehten Ladeflaeche konnte ich die 3-stuendige Bergfahrt sehr geniessen, auch wenn mir die Schweine immer wieder ans Bein sabberten oder mich mit ihren gefesselten Beinen schlugen.


Bei Sonnenuntergang kamen wir in einem Dorf an, wo wir uebernachten sollten und von wo wir am naechsten Tag zur nahe gelegenen Beerdigung aufbrachen.
In dem Tongkonan ganz links schlief ich im noerdlichsten Raum, der fuer Gaeste reserviert wird.


Denn sehr wichtig in der Bauweise: Ein Tongkonan ist immer gen Norden ausgerichtet. Dort ist das Reich des Guten und des Gottes. Schlafen jedoch darf man nur auf der West-Ost-Achse, mit dem Kopf nach Westen. Im Sueden ist das Reich der Seelen, genannt Puya. Nur Tote duerfen mit dem Kopf in diese Richtung zeigen.

Das ist auch fuer die Zeremonie sehr wichtig.
Ein fuer uns Verstorbener ist im Augenblick des Herzstillstandes tot. Nicht fuer Torajaner. Fuer sie ist er nun erst einmal "krank" und wird weitergepflegt, mit Essen versorgt und im Haus bis zu mehreren Jahren aufbewahrt. Erst wenn genug Geld gesammelt wurde, kann die Beerdigung ausgerichtet werden. Am ersten Tag der Zeremonie, dem Gaeste-empfangstag, stirbt der Mensch schliesslich in dem Moment, in dem dem ersten und wertvollsten Bueffel die Kehle durchgeschnitten wird. Dann dreht man die Leiche mit dem Kopf Richtung Sueden - das Reich der Seelen. Der Tote wird nun von den geschlachteten Tieren nach Puya begleitet und nimmt dort seinen neuen Status ein, der adaequat zur Groesse der Zeremonie sein soll.


Nach dem Aufstehen wurden unsere mitgebrachten Schweine erstochen und ueber einem Feuer knusprig angebraten. In diesem Zustand wurden sie nach der lokalen Sitte zur Beerdigung transportiert. Aber nicht nur sie...


... sondern noch viele andere Gaeste nutzten die Mitfahrgelegenheit des LKWs! Das war schon eine Gaudi, vor allem als dann ein kurzer Regenguss fuer Laune sorgte.


Zur Beerdigung schien das gesamte Umland unterwegs zu sein. Viele Hunderte, sogar Tausende versammeln sich dann in dem Beerdigungsdorf.





Die Gaeste werden in Familiengruppen aufgerufen und laufen dann in einer Prozession an dem aufgebahrten Toten vorbei in das fuer sie vorgesehene ueberdachte Areal.


Vor den Gaesten laufen eine Rhythmusgruppe und traditionell gekleidete Jugendliche.


Den gesamten Morgen ueber wird von Dorfgruppen ein althergebrachter Tanz/Gesang aufgefuehrt, der den Toten begleitet. Die Leute verlagern ihr Gewicht im Takt von einem Bein auf das andere, machen Kreisbewegungen mit den Armen und singen eintoenige Vokalgesaenge. Die Sprache ist so alt, sodass mir noch niemand richtig sagen konnte, was diese Gesaenge genau bedeuten. Tja.






Nachdem viele Schweine geschlachtet und zerlegt wurden, wird direkt das traditionelle Papio'ong hergestellt. Hierbei wird Schweinefleisch, gemischt mit einem bestimmten Kraut in Bambusrohre gestopft.


Ueber kleinen Feuern ausserhalb des Festplatzes garen diese Rohre vor sich hin, bis dann der fertige Inhalt mit Reis von den Massen verschlungen wird.


Die Aussicht war grandios und leider mussten wir nachmittags schon wieder los, um noch vor Dunkelheit zurueck in Rantepao zu sein.



Die letzten 2 Wochen wurde ich vom RBM gebeten, alle betreuten Kinder fotografisch zu dokumentieren. Das erfordert jeden Tag mehr Zeit als sonst, da mir ich nun Kinder besuche, fuer die bisher nicht viel Betreuungszeit uebrig war. Und ausserdem habe ich von den 30 Mitarbeiterinnen vielleicht nur 8 regelmaessig begleitet. Bin mal gespannt, ob die Zeit noch reicht!

Im Waisenhaus unterrichte ich die letzten Male und freue mich an der Begeisterung der Kinder. Auch wenn sie noch kein fliessendes Englisch hervorbringen koennen, wird der Unterricht routinierter und ich fuehle mich wohl dabei. Lehrer sein ist nach wie vor nicht mein Traumberuf! Aber wer weiss, mein Vater wollte auch nie einer werden...


Und noch etwas wichtiges: Ab jetzt solltet ihr mir keine Briefe mehr schicken, da ich nur noch 2 Wochen hier bin!

Euch wuensche ich eine schoene Zeit im Schnee! Geniesst das Leben!
Euer Fraeulein Aaron